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Home > Hintergrundinformationen > Interview mit Hans-Günter Mahr
 

"Die Bäume werden nicht in den Himmel wachsen"

Anfang Juni hat die SPD-Fraktion in der BVV Mitte einen neuen Vorstand gewählt. Neuer Vorsitzender ist Hans-Günter Mahr, seine beiden Stellvertreterinnen sind Annette David und Martina Matischok. Über die inhaltlichen Schwerpunkte der SPD-Fraktion hat die "Wahlkreis-Rundschau" des Abgeordneten Ralf Wieland im Juni 2010 ein Interview geführt, dass wir hier wiedergeben.

WK-Rundschau: Herr Mahr, Sie sind neuer Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bezirksparlament von Mitte. Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden Sie setzen?

Hans-Günter Mahr: Eine inhaltliche Neuausrichtung ist mit dem Personalwechsel nicht verbunden. Das große Generalthema bleibt dem Bezirk ohnehin erhalten: Die desolate Haushaltslage. Es ist dem Bezirk zwar gelungen, von der "vorläufigen Haushaltswirtschaft", also der Zwangsbewirtschaftung durch den Senat, wieder herunterzukommen und die Entscheidungen wieder selbst in der Hand zu haben. Aber dadurch sind ja die Kassen nicht voller geworden. Ende August bekommen wir die Zahlen für den Ergänzungshaushalt 2011 und mit einer Entspannung der Lage wird man nicht ernsthaft rechnen können. Es wird also leider eher darum gehen, wo gestrichen wird als um die Frage, wo mehr ausgegeben wird. Als SPD-Fraktion werden wir darauf achten, dass die Bereiche geschont werden, in denen guten Gewissens schon jetzt nichts mehr zu holen ist, z.B. bei der Kinder- und Jugendbetreuung oder der Obdachlosenunterstützung.

Das klingt eher nach Konkursverwaltung denn nach aktiver Bezirkspolitik?

Aber nein. Richtig ist, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen werden. Aber es ist uns auch gelungen, zusätzliche Mittel über den Bezirksetat hinaus für gezielte Projekte zu beschaffen. Ein Beispiel ist das Bund-Länder-Förderprogramm "Aktive Stadtzentren", aus dem Gelder für eine attraktivere Gestaltung der Turmstraße und der Müllerstraße bereit stehen. Dort haben sich inzwischen Stadtteilvertretungen gebildet, in denen interessierte Anwohnerinnen und Anwohner an den Planungsarbeiten teilnehmen und eigene Vorschläge einbringen. Als SPD-Fraktion unterstützen wir diese direkte Art der Bürgerbeteiligung und ich möchte alle Interessierten auffordern, an den Aktivitäten der Stadtteilvertretungen wie auch anderer Kiez-Initiativen teilzunehmen.

In der vergangenen Sitzung der BVV wurde ein umfangreiches Maßnahmenpaket zum Thema Spielhallen verabschiedet. Wird man das Problem damit in den Griff bekommen?

Wir konnten der Entwicklung nicht länger tatenlos zusehen. Allein im Monat Mai wurden 15 Neuanträge auf Genehmigung einer Spielhalle gestellt. Tendenz steigend. Bezirksbürgermeister Dr. Hanke (SPD) sprach in der Debatte gar von einem "explosionsartigen Anstieg". Im Zusammenhang mit Spielhallen werden oft eine Vielzahl strafrechtlich relevanter Ereignisse beobachtet. Illegales Glücksspiel, Geldwäsche, Betrug, räuberische Erpressung, Körperverletzungen und sogar Raubmord. Auch Einbrüche zur Liquiditätsbeschaffung sind in der näheren Umgebung häufig unangenehme Begleiterscheinungen von Spielhallen. Die rechtlichen Möglichkeiten des Bezirks, in diese Entwicklung einzugreifen, sind ausgesprochen gering. Wir hoffen aber, mit den nun beschlossenen Maßnahmen die explosionsartige Ausbreitung von Spielhallen und Wettbüros bremsen zu können. Gefragt sind an dieser Stelle aber insbesondere Landes- und Bundesgesetzgeber.

Welche weiteren Schwerpunkte hat sich die SPD-Fraktion für die kommende Zeit gesetzt?

Die Arbeit in der Bezirksverordnetenversammlung ist oftmals weniger von politischen Grundsatzentscheidungen denn von ganz praktischen Vorgängen und Notwendigkeiten geprägt. Einige Beispiele:

Wir müssen es hinbekommen, dass sowohl das Ordnungsamt wie auch das Grünflächenamt personell besser ausgestattet werden. Der Bezirk Mitte verfügt wie kein anderer Bezirk über eine große Anzahl repräsentativer Grünflächen, die aufwändig gepflegt werden müssen. Dabei geraten aufgrund der personell engen Ausstattung oftmals die kleinen Grünflächen in den Kiezen oder auch der Straßenbewuchs in den Hintergrund.

Im Bereich der Schulen erleben wir in Mitte gerade eine Konjunktur von Privatschulen. Als SPD-Fraktion betrachten wir diese Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. So sehr wir die Initiative von Eltern für ihre Kinder unterstützen, so sehr werden wir darauf achten, dass ein gesundes, ausgewogenes Verhältnis von staatlichen und privat bzw. konfessionell betrieben Schulen erhalten bleibt. Dass heisst für uns natürlich auch, dass das qualitative Angebot der staatlichen Schulen nicht hinter dem der Privatschulen zurückbleiben darf.

Auch das Thema Parkraumbewirtschaftung wird die BVV voraussichtlich wieder beschäftigen. Mit der Inbetriebnahme des BND-Neubaus an der Chausseestraße werden ca. 3.000 bis 4.000 Mitarbeiter erwartet, die ihre Autos in der Umgegend parken wollen. Von den Anwohnern werden bereits Befürchtungen geäußert, dass die Parkplatzsituation ausgesprochen eng werden könnte. Wir nehmen diese Sorgen sehr ernst und werden uns eine Lösung einfallen lassen.

Seit Jahren wird kritisiert, dass im Afrikanischen Viertel drei Herren mit nach ihnen benannten Straßen geehrt werden, die sich während der deutschen Kolonialzeit um die Menschenrechte nicht eben verdient gemacht haben - um es vorsichtig zu formulieren. Nachtigalplatz, Petersallee (nach dem ursprünglichen Namensgeber Carl Peters), Lüderitzstraße. Demnächst wird zumindest eine Tafel aufgestellt, die auf den geschichtlichen Hintergrund der Namensgebung aufmerksam macht. Darüber hinaus gibt es Überlegungen für eine Gedenkstätte zum Kolonialismus. Die BVV wird sich mit einer Umbenennung der Straßen zu beschäftigen haben. Als SPD-Fraktion befürworten wir dies, möchten es aber in eine breit angelegte Diskussion mit den Anwohnern eingebunden wissen.

Der Neubau eines Gastrogroßmarktes auf dem Gelände des ehemaligen Moabiter Güterbahnhofs erregt zur Zeit die Gemüter. Wir begrüßen diese Investition, mit der ca. 300 Arbeitsplätze geschaffen werden und die Voraussetzung für eine Verkehrsberuhigung der Siemensstraße ist. Die Bürgerinitiative Siemensstraße fürchtet allerdings eine nackte Betonfassade straßenseitig und sorgt sich um eine Pappelreihe. Ich bin sehr zuversichtlich, dass bei den gegenwärtig laufenden Gesprächen mit dem Investor eine auch für die direkten Anwohner akzeptable Fassadengestaltung erreicht werden kann.

Der Panke-Grünzug mit dem Panke-Radweg ist nun weitgehend fertig gestellt. Allerdings gibt es an der Badstraße eine sehr unbefriedigende Situation bei der Überquerung. Wir arbeiten daran, hier möglicherweise eine Unterquerung der Badstraße zu realisieren und dafür externe Mittel zu beschaffen.
Dies sind einige, zum Teil recht kleinteilige Beispiele, mit denen sich die BVV und auch die SPD-Fraktion zur Zeit beschäftigt oder sich demnächst beschäftigen wird.

Das Gespräch führte Helmut Hansmann

(25.06.2010)

 

 


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